Der Untergang des römischen Imperiums scheint so weit weg, so “antik”. Doch der Begriff ‘spätromische Dekadenz’ bleibt Sinnbild für das Scheitern eines kulturell abgeschotteten bzw. überheblichen Staates. Die Flüchtlinge aus Nordafrika zeigen ein mal mehr, dass Innenpolitik à la Berlusconi nicht ausreicht, um den Lebensstandard einer Elite zu retten. Die Angst vor der Völkerwanderung aus dem Süden hält die italienische Bevölkerung in ihrem Bann.
Man kann nicht behaupten, Italien hätte nicht alles versucht: Seit erneutem Amtsantritt Berlusconis wurde Zuwanderern das Leben immer schwerer gemacht. Doch die Schiffe aus dem alten Karthago bedrohen nun trotzdem die Küsten des Landes. Die Flüchtlinge sind gekommen, um zu bleiben. Nun gibt es den ersten YouTube-Kanal für “Italien-Touristen”.
“Wir lernen schnell” meint Karim Kordhi vom Reisebüro “Citoyen romain” in Tunis mit einem verschmitztem Lächeln. “Seit dem Umsturz in unserem Land wissen wir um die Macht der sozialen Medien. Deshalb unser YouTube-Sender “Soyez les Bienvenues”, der über die Einbürgerung, italienische Parteien und die Reise nach Italien informiert.” Der Sender sehe sich als Aufklärer, berichte auch über die Risiken der Überfahrt und von “le fou” (gemeint ist Berlusconi).
In Italien steht insbesondere die Ex-Kulturministerin im Fokus der Kritik. Ihre Kürzungen im Kultur und Sozial-Bereich seien der Grund dafür, dass man aus der Geschichte nichts gelernt habe. “Man lebt nur noch im hier und jetzt und will nicht wahrhaben, dass Italien schon ein mal durch eigene Arroganz überrannt und zerstört wurde. Wo sind die Historiker, die uns hätten warnen sollen?” fragt mich eine Demonstrantin vor dem Kuturministerium wütend. Der Rücktritt der Ministerin Anfang des Monats ist ihr nicht genug: Sie demonstriere für Entwicklungshilfe und Integrationsmaßnahmen. Dass es solch weise Italiener noch gibt, erstaunt selbst mich als langjährigem Italienfreund.
Italien ist unbestritten zu einem Local Player verkommen. Staatskrise um Staatskrise wird vertuscht und die Globalisierung wurde der Mafia überlassen. Die jetzige Flüchtlingskrise ist auf ein mal ein internationales Problem aber Italien hat mit Berlusconi nur gelernt, überheblich an sich selbst zu denken ohne über sich selbst nachzudenken. Man wird sehen, ob die realen Flüchtlinge es nun vermögen, der italienischen Politik wieder etwas Demut einzuhauchen. Humanitäre Hilfe passte zumindest bisher nicht in das Image des “Duce in spe”.
Die Regierung Berlusconi hält sich vorläufig bedeckt zur Völkerwanderungsproblematik. Eine Interview-Anfrage wurde höflich abgelehnt. Außenpolitik lliegt wohl weiterhin nicht im Interesse des letzten Dekadenten Roms. Ohne den despotischen Partner Gaddafi wird in Zukunft die unbürokratische Rückführung von Flüchtlingen keine Option mehr sein. Menschen werden auf ein mal Rechte haben.
Ausgerechnet ein altes italienisches Filmzitat bringt es für mich auf den Punkt: “Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.” Vielleicht gibt es jedoch nach Kürzungen im Bildungsbereich ebenfalls keine Film- und Medienwissenschaftler mehr in Italien, die Berlusconi mit dieser Weisheit hätten warnen können.
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