Machthumor

Symbol

…für das lachende Auge

Service Center sollen Wahlkampf entlasten

Ist dies die Zukunft nach Stuttgart21?
Grundlage: cc (by-sa-nc) Tim Bonnemann, cc (by-sa-nc) Leo Reynolds

Es steht ein neues Superwahljahr bevor. 9 Landtags und Kommunalwahlen kommen auf die Parteien zu, denen man in jüngsten Umfragen immer weniger zutraut, dass sie das Land im Bürgersinne regieren könnten. Dem Vorwurf, man habe den Kontakt zu Volk verloren, will man nun in einigen Parteien entgegen treten und rätselt doch, wie man mit knapp 80 Millionen Bürgern kommunizieren soll. Die Hamburger SPD prischt nun vor und startet den ersten Kundencenter für ihre Wähler.

Über dem „Support-Center“ im Hamburger Norden prangt ein Schriftzug in Schreibschrift auf rotem SPD-Logo: „SPD Customer Care“. Wahlkampfleiter Oliver Hutemöller empfängt mich lächelnd als hätte er die Presse sehnlichst erwartet: „Wir gehen hier neue Wege in Hamburg. Schauen sie sich ruhig etwas ab.“ Er führt mich zunächst in die Tee-Küche des Centers die mit Mitarbeitern und Sofas gefüllt ist. Einige aber nicht alle Telefonistinnen haben SPD-Sticker an der Bluse. Wer hier SPD wählen würde, frage ich in die Runde und alle lachen etwas beschämt.

Auf die Frage, ob alle seine Mitarbeiterinnen das Parteiprogramm kennen müssen, kühlt sich die Atmosphäre merkbar ab. Hutemöller drängt mich verlegen in den Callcenter-Bereich in dem einige Genossen in Jobcenter-Manier siezend Gespräche führen. Die Stimmung im Saal ist einigermaßen gereizt. Eine Mitarbeiterin erzählt mir später, sie könne hier nichts tun, aber jeder der anrufe habe halt ein Anliegen: „Die Leute rufen nicht an, um mit uns ernsthaft zu diskutieren. Aber der Kunde ist ja bei uns König“, bemerkt sie sarkastisch und zeigt auf den großen Schriftzug an der Wand. Ein anstrengender Optimismus dominiert die Mienen.

Man müsse aus Stuttgart 21 lernen, erklärt mir Hutemöller in seinem Büro nüchtern. Der Druck, etwas zu tun, ging von der Basis aus, als die neuen Vorgaben aus Berlin eintrafen. „50 Wählerkontakte pro Genosse pro Tag: da waren viele im Landesverband natürlich erst mal überfordert. Wir managen nun die Kundenbeschwerden der SPD branchenüblich und sorgen dafür, dass die Politik die Leute wieder ernst nimmt. Man muss kritisch anmerken: Viele Wechselwähler und unsichere Genossen melden sich schlichtweg nicht.“ Viele Anrufer seien Fremdkunden und enttäuschte FDP-Wähler, erzählt mir Wahlkampfmanager Hutemöller. Hiermit hätten die Kollegen stark zu kämpfen.

Sind Customer Care und Kundencenter für Parteien ein Modell für die Zukunft? So gemütlich die neue SPD-Zentrale auch eingerichtet sein mag: Sie bleibt ein Arbeitsplatz an dem man Anrufe und Twitteranfragen beantwortet. Von hier geht keine Inspiration aus, und Bürgerbeschwerden, die ‘an die zuständigen Genossen weitergeleitet’ werden, werden nur wenige reale Probleme der Wutbürger lösen.

Was bleibt? Der Zustand der eigenen Partei-Mitarbeiter: Stress für den einen niemand bezahlt, die eigene Partei auf eine Art Unternehmen reduziert, dem Bürger durch professionellen Kontakt ferner denn je. Die FDP in Hamburg will genau dies nun auch und zieht mit einem eigenen Center nach. Der Tele-Wahlkampf kann kommen! Auf Quora leider nur auf Englisch!


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