Machthumor

Symbol

…für das lachende Auge

Flattr und die Abo-Schranke: Glücksspiel?

Das Bürogebäude von Flattr, Grundlage cc (by-nc) André Hofmeister

Bezahlschranken im Internet sind ein neuer Trend. Die Verlage versuchen es mit dem iPad, Paid Services sind die Hoffnung der Dienstleistungindustrie. Der schwedische Service Flattr hat nun erkannt, dass diejenigen, die wirklich für gute Inhalte im Netz zu begeistern sind, Teilnehmer am Netz selbst sind. Besonders die Kreativen und Produzenten wären somit die perfekte Zielgruppe für ein Eintrittsgeld.

“Es wird heutzutage immer mehr darum gehen, Menschen für eine Ökonomie zu begeistern. Nur wenn sie teilnehmen wollen, werden sie einem ‘business model’ folgen. Gerade Produzenten suchen immer einen Lohn.” Der Sprecher des Unternehmens hatte sich viel Enthusiasmus zurecht gelegt. “Wir wollen das Tor, die Page im produktiven Web werden, die jeder Produktive passieren will.” Sein schwedischer Akzent ließ seine Worte voll offener Machtwünsche irgendwie harmlos wirken. Ich musste während des Interviews mit diesem Sympath, den die Firma Flattr mir gestellt hatt, durchaus beherrschen, um die nötige Distanz zu wahren.

Auf die Frage, wofür man als Artist ein Abo bräuchte, um im Netz Geld zu verdienen und was Flattr eigentlich verkaufe, außer die Registrierung, wusste der lächelnde Schwede keine offene Antwort zu verkünden. Er wiederholte beflissen “die Hoffnung”, die das Unternehmen vielen Netzteilnehmern biete. “Es ist ein Spiel, in dem man auf die eigenen Fähigkeiten setzt und seine Inhalte auf den Markt der Ideen bringt”. Vielleicht war ich naiv gewesen, mir von einem Vertreter einer Firma Selbstkritik zu erhoffen. Eine Bemerkung zum Schluss des Gesprächs war dann jedoch noch durchaus aufschlussreich: Man freue sich bei Flattr sehr, dass in Deutschland das Glücksspiel-Monopol in Frage gestellt werde. Ein freudscher Versprecher, der mich aufmerken ließ:

Wenn man die eigenen Beiträge als Wette auf den Erfolg dieser Beiträge versteht – der Mindesteinsatz wurde von Flattr ja festgelegt – so wäre dies Glücksspiel. Jeder setzt auf sich – in den meisten Fällen als “Underdog” – und gibt bei der Quote der A-List-Beiträger fast immer sein Budget ab. Wie ein Pizzo, den man an die Mafia-Bosse zahlt. In dieser Hinsicht wäre lustigerweise nicht nur die Firma Flattr, sondern auch die großen Verdiener im System am Rande des organisierten Glückspiels mit erzwungenem Mindesteinsatz: Es wäre außerdem quasi ein Pyramidensystem in dem jeder immer neue Einzahler anwerben muss, um seine Kosten wieder rauszuholen.

Ich verabschiedete mich von meinem harmlos wirkenden schwedischen Interviewpartner und versuchte dabei heimlich, die Mafia in seinen Augen blitzen zu sehen. Dieser Mann war jedoch kein bewusster Betrüger, sondern nur ein Kind seiner Zeit: Jedes Netzwerk wird von uns unreflektiert als gut und praktisch empfunden – auch, wenn es nur Ausnutzung organisiert. Ein Gruß an die neuen Paten.


Flattr this

Einsortiert unter:Satire deutsch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s